Die Geschenke unserer Pferde erkennen und annehmen

Regeln, Vorschriften und vorgegebene Übungen sind sinnvoll und haben sich bewährt in einer Gesellschaft, in der es immer enger wird. Oft werden sie als stilles Einvernehmen nicht mehr hinterfragt. So bleibt kein Spielraum mehr für Kreativität und Eigeninitiative.

So habe ich Reiten gelernt und so habe ich es lange Zeit verstanden: Ich lerne die Regeln und setzte sie mit dem Pferd um. So klappt ein reibungsloser Ablauf in einer Reithalle oder auf dem Reitplatz und das Pferd wird ordentlich trainiert. Berechenbar mussten die anderen sein, damit ich rechtzeitig auf den zweiten Hufschlag wechseln konnte, wenn mir jemand auf der linken Hand entgegen kam und andere erwarteten dasselbe von mir. Eigene Entscheidungen treffen war dem Pferd nicht zugedacht. Und ich hatte gar nicht erst die Idee, etwas Neues auszuprobieren. Erst später, als mir mehr Verantwortung für die Pferde, die ich betreute, übertragen wurde, wagte ich unkonventionelles, das einfach als ein Gefühl oder eine Blitzidee auftauchte.

So kam ich an einen Friesenhengst, den ich über ein Jahr reiten durfte. Er war Kutschpferd und wurde nebenbei geritten. Seine Reiter ritten ihn nach dem Motto: Ich tu dir nichts, tu du mir nichts. Alle waren einverstanden und doch war es das Pferd, dem es damit nicht gut ging. Als damals 8-jähriger Hengst erschien er träge und ausdruckslos, lustlos und ohne Zeichen von Freude an irgendetwas. Als er unter seinen Reitern nicht mehr galoppieren wollte, bat mich der Besitzer, ein freundlicher Mann im Rentenalter um Hilfe. Es war August und kein Problem, auf den Stoppelfeldern auf gerader Strecke den Galopp zu üben. Später klappte es auch auf gebogenen Linien in der Halle wieder. Wir haben noch allerhand mehr geübt. Der Hengst hatte plötzlich wieder Fahrt aufgenommen, bekam eine ganz andere Haltung, so dass die Sonntags-Morgens-Frühschoppen-Freunde des Besitzers das Pferd für ein ganz neues im Stall hielten. Kannte der Friese vorher kaum Schenkel- und korrekte Zügelhilfen, so brauchte es jetzt nur eine kleine Gewichtsverlagerung, und er machte Seitwärtsgänge mit großem Stolz auf das, was er gelernt hatte. Es war mehr ein „Sich Präsentieren“ und er schien es zu merken, wie er bei den Zuschauern ein Staunen hervorrief. Meine eigene Verfassung wurde in dieser Zeit immer schlechter. Es gab private Sorgen, die mich schwer belasteten.  Der Hengst schien das zu spüren. Ich ritt ihn meist nur zweimal in der Woche. An einem Tag, als es mir besonders schlecht ging, bin ich nur in den Stall gegangen, um mich einmal an seinen starken Hals zu lehnen und ihn zu umarmen. Als ich mich langsam wieder lösen wollte, neigte er seinen Kopf so, dass ich mir wie eingeklemmt vorkam, aber ohne, dass es mir erdrückend erschien. Das war einer der bewegendsten Momente, die ich mit diesem Pferd erleben durfte. Bei Reiten fing er an, Eigeninitiative zu ergreifen. Das hätte ich früher nie zugelassen. Das hatte ich ja nicht gelernt. Als in meinem Leben einiges aus den Rudern geriet, hätte ich mir gewünscht, dass mal irgendjemand anderes die Führung übernimmt und ich mich einfach nur mal leiten lassen kann, im Vertrauen, dass das ein anderer auch kann. Und so geschah es auch mit dem Friesen. Wenn ich nach dem ersten Schrittreiten am langen Zügel diese aufnahm, freute er sich sichtlich und galoppierte sofort an. Auch die Traversalen, die er schnell gelernt hatte, machte er häufig von ganz allein. Und ich konnte loslassen von der Idee, das zu unterbinden, nur weil ich die Hilfen dazu nicht gegeben hatte. Ich konnte mich mit ihm und an ihm freuen. Mir wurde klar, dass er mir einfach eine Freude machen wollte. Er schien meine Gedanken vorhersehen zu wollen noch lange, bevor ich sie hatte. Es war anders als dieses „Ich denke Galopp und das Pferd springt an.“ In dieser Zeit, in der ich tief mit meiner Verletzlichkeit verbunden war, konnte ich seine Bemühungen, mich zu erheitern deutlich erkennen und auch dankend annehmen. Dabei war unser Verhältnis nicht von Anfang an ein gutes. Reiter waren für ihn Leute, die man mal so herumträgt, die aber im Großen und Ganzen keinen Einfluss auf ihn nahmen. So hatte er scheinbar auch keinen tieferen Bezug zu ihnen. Ich war anders für ihn. Zu meiner eigenen Sicherheit und der von anderen hatte ich anfangs auch mal härter durchgreifen müssen. Ich hatte nicht nur einen Auftrag von seinem Besitzer, sondern auch einen Vertrauensvorschuss, dass ich verantwortungsvoll mit seinem Pferd unterwegs sein würde. Das habe ich so abwechslungsreich, wie möglich umgesetzt, diesen prachtvollen Hengst geistig und körperlich beschäftigt, ihm die große, weite Welt gezeigt und unterwegs kleine Übungen gemacht. Welchen Bezug er zu mir nach einigen Monaten aufgebaut hatte, durfte ich später erfahren, als ich nach einem Rippenbruch 8 Wochen ausgefallen war. Als ich zum ersten Mal wieder in den Stall kam, wieherte er dumpf brummeld.

Damals hat mich das zutiefst berührt und das tut es bis heute. Es aber auf andere Pferde zu übertragen, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Ich dachte, Friesen seinen halt anders, vielleicht intelligenter und mehr bereit, mitzumachen. So ein persönliches Engagement hatte ich noch nie von einem Pferd erlebt. Heute, nachdem ich durch das Recherchieren für mein Buch „Gesunde Pferde – Glückliche Reiter“ so viel Neues erfahren habe, weiß ich, dass jedes Pferd so einen individuellen Charakter hat, der sich so deutlich äußern kann. Ich müsste auch nicht mehr depressiv und kraftlos werden, um die Geschenke, die mir ein Pferd macht, zu erkennen. Manchmal braucht es einen schmerzhaften Weg, um Dinge aus einem neuen Blickwinkel zu erkennen. Manch einer muss erst an die Schmerzgrenze seiner finanziellen Belastbarkeit kommen, was Kosten beim Tierarzt betrifft, um zu erkennen, dass er etwas ändern muss. Der junge Friese hätte möglicherweise Krankheiten oder Verhaltensauffälligkeiten bekommen, wenn sein Besitzer nicht erkannt hätte, wie wichtig das Galoppieren für sein Pferd ist und auch eine abwechslungsreiche Auslastung. Damals gab es diesen Austausch mit Gleichgesinnten noch nicht auf den Plattformen im Internet. Erst heute erkenne ich, dass ich damals auf einem guten Weg war, es aber noch nicht in Worte fassen konnte. In den Augen der anderen Reiter war ich anders und ok. Heute ist diese Art des Umgangs mit Pferden einer von vielen Schritten zu einer besseren Verbindung zum Pferd und zum Pferd und letztendlich auch zu sich selbst. Und es ist inzwischen auch weit verbreitet. Mit meinem Buch möchte ich unter anderem Mut machen, dem Pferd zu erlauben, Geschenke zu machen, diese zu erkennen und nicht als Ungehorsam zu interpretieren, sondern sie auch anzunehmen und sich zu freuen. Wir bekommen immer das, was wir erwarten. Wenn wir davon loslassen, etwas zu erwarten, öffnen sich Türen, durch die etwas hineinfließt auf leichte Weise. Es ist auch ein Weg, der wegführt vom Verstand hin zum Fühlen und hin zum Herzen. Das macht uns offen und durchlässig, nicht nur im Umgang mit unserem Pferd, sondern mit dem gesamten Leben. Alles, was wir mit Pferden erfahren, können wir in unser Leben übertragen. Die Geschenke die uns unser Pferd machen möchte und auch unser Leben erkennen und annehmen lernen, das ist es, was uns wirklich bereichert. Wenn wir lernen, uns beschenken zu lassen, können auch wir schenken: Unserem Pferd mehr Lebensqualität und uns selbst mehr Freude am Leben.

 

„Gesunde Pferde – Glückliche Reiter“

„Tierkommunikation – Seelengespräche, Band 1“

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  • Wunderschön

    Liebe Maria ich finde deinen Beitrag sehr gut und auf den Punkt gebracht. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen anfangen, ihren Pferden ein Mitspracherecht einzuräumen und es nicht als frech oder unerzogen zu sehen, sondern als Vorschlag sich an einer gemeinsamen Kommunikation beteiligen zu wollen.

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